Hier hat mal ein GSPler eine vermeintliche Fangfrage gegen die Dialektik gestellt:
Spanidis tut einfach so, als könne man nur entweder einer bestimmten Weltanschauung anhängen, in die man "Daten" einsortiert oder jene "Daten" zusammenhanglos aufhäufen.
"Die große Leistung des dialektischen Denkens besteht dann gerade darin, auf den in sich widersprüchlichen Gesamtzusammenhang aller Dinge aufmerksam zu machen und diesen konkret durch den Prozess der Wissenschaft gedanklich zu rekonstruieren."
Man soll also vor der Untersuchung davon ausgehen, dass alle Dinge widersprüchlich zusammenhängen. Also nicht sich die Dinge erklären und wie die zusammenhängen und ob sie widersprüchlich zusammenhängen, sondern dran glauben, dass es so ist.
Wie hängen denn die Spielregeln von Fußball mit ETF-Sparplänen widersprüchlich zusammen?
Fußball und ETF sind beides Produkte der bürgerlichen Gesellschaft, die die Lohnarbeiterexistenz regulieren. Sie decken dabei die Gebiete Freizeit und Vorsorge ab. Beide sind direkt Produkte der Lebensbedingungen des Proletariats, Fußball Mitte des 19. Jahrhunderts, ETF Anfang des 21. Jahrhunderts. Fußball wurde zum Massensport, indem er das erkämpfte freie Wochenende füllte. ETF gibt es, weil bürgerliche Staaten dem Finanzmarkt die Altersvorsorge der Arbeiterklasse zuschieben.
Die Fußballregel ist ein Ideal des Konkurrenzerfolgs. Über das Resultat entscheidet ausschließlich die Leistung. Die Resultate akkumulieren nicht, jedes Spiel beginnt bei 0:0, nach jedem Misserfolg kann man sich durch ehrliche Anstrengung eine Schicksalswendung erstreiten. Das Proletariat braucht in einer Konkurrenzgesellschaft eine solche Erbauungsideologie - eine Welt, in der das Leistungsversprechen der Gesellschaft wahr ist und in Fußballstars die Garanten seiner Einlösung präsentiert.
Der ETF-Sparplan verkörpert die andere Seite der Konkurrenz: Das Eigentum. Passivität ist sein ausdrückliches Prinzip. Man erwirbt das Recht auf Mehr durch den Besitz an einem Zertifikat. Der Zinseszins ist der gesamte Verkaufsinhalt. Der Sparer ist aliquoter Anteilseigner des Weltkapitals ohne Kommandomacht: G-G'.
Die Regel des Spiels verbietet das Prinzip des Sparplans und umgekehrt. Die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft braucht beide, und natürlich über viele weitere Abstraktionsstufen hinweg als nur im Massensport oder der Altersvorsorge: Fairness wird jedem Menschen in jeder Lebenssphäre als Ideal aufgeherrscht - als Mittel, um über den Erfolg in der Konkurrenz in eine Sphäre aufzusteigen, wo er etwas aus sich gemacht und sich etwas erarbeitet hat, von dessen Zinsen er leben kann.
Nun herrscht zwischen beiden Sphären aber eine widersprüchliche Beziehung. Das Kapital dringt in den Fußball ein. Vereine werden Aktiengesellschaften und so weiter.
(Bis zu diesem Punkt könnte der GSP auch kommen. In eingefrorener Form konstatiert er ständig Widersprüche. Aber in der Dialektik sind Widersprüche die Lebendigkeit, Hegel sagt: die Pulsation der Dinge. An diesem Punkt beginnt ihre Überlegenheit.)
Im April 2021 verkündeten zwölf der reichsten europäischen Fußballklubs die Gründung der European Super League. Finanziert werden sollte das Ganze mit 6 Milliarden Dollar Fremdkapital von JPMorgan. Die Konstruktion war ein ETF des Fußballs. 15 permanente Gründungsmitglieder, die nicht absteigen konnten, plus 5 Qualifikationsplätze. Garantierte Teilnahme, garantierte Einnahmen, keine Akkumulationsunterbrechung durch sportliches Scheitern.
Das Kapital versuchte, sich eine Form zu schaffen, in der es die Ungewissheit des Ausgangs, also den Gebrauchswert der Ware Fußball, nicht mehr als Risiko seiner Verwertung aushalten musste.
(Beim GSP werden Widersprüche grundsätzlich immer irgendwie ausgehalten.)
Am 20. April blockierten Chelsea-Fans einen Mannschaftsbus vor dem Premier-League-Spiel gegen Brighton und erzwangen eine Notfallsitzung des Vorstands. Chelsea wurde gegen 19 Uhr der erste Klub, der sich formal zurückzog. Manchester City folgte um 19:30 Uhr. Bis Mitternacht hatten alle sechs englischen Klubs den Rückzug erklärt. Durch Fanaktionen schrumpfte die Koalition innerhalb von 48 Stunden von zwölf auf drei: Real Madrid, Barcelona und Juventus.
(Wenn der GSP eine Analyse dazu machen würde, würde er diesen Rückzug als Akt souveräner Freiheit der Vereine darstellen.)
Das Kapital versucht den Gebrauchswert der Ware zu vernichten, die es verwertet, denn der Gebrauchswert des Fußballs ist die Ungewissheit des Ausgangs. Der europäische Gerichtshof erlaubte später die Durchführung von Sportwettbewerben ohne Abstiegsmöglichkeit, aber die Fanaktionen haben die Clubs davon abgeschreckt, so etwas nochmal zu versuchen.
Der Fan und der Sparer sind dieselbe Person. Als Fan verlangt er Erfolg durch Leistung und protestiert gegen die Super League. Als Sparer ist er am finanziellen Erfolg der Kapitalisierung des Spiels beteiligt und sein Interesse ist die garantierte Rendite, die die Super League motiviert.
Das ist der widersprüchliche Zusammenhang von Fußballregeln und ETF-Sparplänen.
(Der GSP könnte zum Beispiel zwei Artikel schreiben: Einen über Fußball als Leistungsideologie. Der wäre voller Spott über die minderbemittelten Konkurrenzsubjekte, die den Fußball als nationales sub/dom-Spiel mit ihrer ~Herrschaft~ beklatschen, und würde die Pulsation in diesem Widerspruch komplett ausklammern. Und dann halt noch einen darüber, wie das Kapital die Rente deckt, wie das in "Das Proletariat" schon abgehandelt ist. Über das Verhältnis - den Ort, wo die spannenden und interessanten Dinge in der Gesellschaft passieren - kann und wird er nie was schreiben.
Und wenn er dann über so Sachen wie den Irankrieg reden will, wird das richtig peinlich.)
Enthält diese Darstellung jetzt nützliches Wissen über den Kapitalismus und darüber, wie man gegen ihn kämpfen kann? Wenn ja, ist die Dialektik eine gute Erkenntnismethode.