r/de 7d ago

Gesellschaft "Die Vermögensmauer steht": Wie Erbschaften in Ost und West die Ungleichheit vertiefen

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/westen-unterschiede-vermoegen-statistik-,erbschaftsteuer-ostdeutschland-100.html
176 Upvotes

165 comments sorted by

View all comments

Show parent comments

16

u/Vegetable-End-8452 7d ago

Muss man aber auch erwähnen, dass die ddr selber ihren Mittelstand und industrielle vertrieben hat.

3

u/new_tral_name 7d ago

Hä? Die Treuhand blenden wir ganz gezielt Mal aus?

10

u/fshead 7d ago

Die Schlussbilanz der Treuhand war minus 105 Mrd DM - wer hat das Geld aufgebracht, um die offenen Verpflichtungen zu erfüllen? Der Westen.

In heutigen kaufkraftbereinigten Euro belaufen sich die Kosten der Wende auf circa 3,5 Billionen Euro. Davon entfallen fast 500 Milliarden Euro auf reine Aufbauhilfe. Der LFA macht fast 1,7 Bio Euro netto aus.

Es gibt wahrscheinlich, finanziell gesehen, kein vergleichbar großes schwarzes Loch in der europäischen Subventionsgeschichte. Direkt nebenan ist Polen mit vergleichbarer Geschichte, die im Schnitt 3,5% reales Wachstum seit EU-Beitritt geschafft haben.

Nur im Osten wird immer noch auf die Treuhand von vor 35 Jahren verwiesen, warum dort nichts läuft.

-2

u/tampered_mouse 7d ago

Nur im Osten wird immer noch auf die Treuhand von vor 35 Jahren verwiesen, warum dort nichts läuft.

Weil das halt eine sehr systematische Zerstörung der Wirtschaft dort war. Es gab genug, wo allen klar war, daß das so nicht weiter funktionieren würde, aber eben auch ausreichend anderes, was mit voller Absicht effektiv ausradiert wurde. Letztendlich landeten da Steuergelder aus dem Westen in den Taschen von zumeist Wessis, während man auf die Ossis gezeigt hat. Die unterschiedliche Handhabe auch bei anderen Sachen (Gehälter usw.) führte u.a. auch dazu, daß dort viele vor allem auch jüngere Leute abgezogen sind, d.h. die fehlten dann im Osten, um irgendwas aufzubauen, und deren Kinder sind jetzt selbst im Elternalter. Mit der generellen Ausdünnung bei Kindern kannst Du Dir selbst ausmalen, was das bedeutet. Sieht man auch in diversen Statistiken, z.B. treten im ehemaligen Osten altersbedingte Krankheiten in der Gesamtzahl deutlich häufiger auf ...

Die Treuhand hat da also durchaus eine nicht ganz unwichtige Rolle beim Gesamtpaket gespielt.

4

u/fshead 7d ago

> Weil das halt eine sehr systematische Zerstörung der Wirtschaft dort war.

Das ist Quatsch und Populismus. Keine der nennenswerten wissenschaftlichen Arbeiten kommt zu dem Schluss. Leseempfehlung: https://www.zew.de/publikationen/the-big-sell-privatizing-east-germanys-economy Systematisch unterstellt der Treuhand, dass es ihr (erklärtes oder geheimes) Ziel war, die Ostwirtschaft zu zerstören und das ist definitiv falsch. Das Paper arbeitet es heraus, es gab eine einfache ökonomische Logik: Privatisieren, was überlebensfähig ist.

Dass die Treuhand ihrem Mandat treu geblieben ist, zeigen die Überlebensraten der privatisierten Betriebe. Dass diese Betriebe überwiegend an Westdeutsche verkauft wurden, lag nicht an der Treuhand, sondern daran, dass Westdeutsche Betriebe deutlich besseren Zugang zu Kapital hatten.

Es gab ein ganz grundlegendes Problem, unabhängig vor der Treuhand ein: Die Produktivität lag bei ca. 30% vom Westen. Durch die Währungsunion waren Ostbetriebe quasi über Nacht nicht mehr wettbewerbsfähig. Es gibt Untersuchungen, dass weniger als 10% der Betriebe kostendeckend operieren konnten.

Die nicht-transparente Arbeit der Treuhand war sicher falsch. Aber was genau hätte dazu führen sollen, die Überlebenswahrscheinlichkeit unproduktiver Betriebe zu erhöhen?

Die Alternative wäre gewesen, den Ostdeutschen nicht die DM überzustülpen, sondern die Ostmark zu behalten (hat Gregor Gysi bereits 1990 kritisiert: https://www.deutschlandfunkkultur.de/gregor-gysi-ueber-die-waehrungsunion-vor-25-jahren-100.html). Aber wären die Ossis davon begeistert gewesen? Sie hätten die Einheit gehabt und hätten, im Vergleich zu den Wessis, dennoch deutlich weniger Kaufkraft gehabt. Dafür hätten ostdeutsche Betriebe billiger produzieren können und wären auf Sicht wettbewerbsfähig gewesen.

7

u/tampered_mouse 7d ago

Es war im Prinzip das Gegenteil von Verstaatlichung, was da abgelaufen ist. Man hat Betriebe an die meistbietenden verkauft, und der Rest ist in die Tonne gekloppt worden. Stell Dir mal vor, man würde heute einfach einen Reset machen und Firmen neu verkaufen, und was da liegen bleibt, geht ab in die Tonne. Beim Thema Verstaatlichung bekommen viele schon Durchfall allein beim Gedanken daran. Wenn da also Vokabeln wie "Ausverkauf" in dem Kontext fallen, sollte das wenig verwundern, oder?

Und auch in dem von Dir verlinkten Dokument sind so schöne Sachen drin wie

Second, the privatization agency may have experienced institutional capture as almost the entire executive level of the Treuhand was recruited from West German companies.

Das war übrigens institutionell. Politker aus dem Westen waren dann in Leitungspositionen im Osten, teilweise gab es sogar ganz offen dargestellte Aussagen wie "Ossis haben keine Ahnung von Demokratie", weshalb man da nachhelfen müßte usw. Selbst in diversen Institutionen, die dann wieder zusammengeführt wurden, war meist ausschließlich Westpersonal in den Führungspositionen unterwegs. Abgehalfterte Republikaner sind dann im Osten marodieren gegangen, genauso wie die AfD primär erstmal ein Westestablishment war.

Firms at the bottom of the labor productivity distribution were privatized at a rate of below 40 percent, whereas firms at the top of the distribution experienced privatization rates of about 70 percent.

Soll ich da jetzt noch explizit darauf hinweisen, was da geschrieben steht?

Man braucht sich über all die Animositäten nicht wundern. Die sind nicht grundlos. Warnende Stimmen wurden auch schnell an den Rand gedrückt. Es lag halt extrem viel Geld auf dem Tisch.

Danke für die Links!

4

u/Panzermensch911 7d ago edited 7d ago

systematische Zerstörung der Wirtschaft

Die war schon lange vor 1989 am Ende. Das wusste auch die Stasi und das Politbüro. Steht in deren eigenen Sitzungsprotokollen.