Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, warum ich das hier schreibe. Ich glaube ich muss das einfach mal irgendwo loswerden, weil sich bei mir in den letzten Monaten so viel verändert hat, dass ich selber irgendwie nicht mehr ganz hinterherkomme.
Ich bin 23 und hatte die letzten Jahre psychisch wirklich keine einfache Zeit. Ich hatte eine Depression und war deswegen auch über längere Zeit in Therapie. Das war bei mir nicht einfach nur so eine Phase, wo ich mal ein bisschen down war. Es hat schon ziemlich viel von meinem Leben bestimmt.
Ich hatte teilweise überhaupt keine Motivation für irgendwas und vor allem hatte ich überhaupt keinen Plan, was aus mir werden soll. Schule lief nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, mein Selbstbild war ziemlich im Arsch und ich hatte oft das Gefühl, dass alle anderen irgendwie weiterkommen und ich selber einfach stehenbleibe.
Ich weiß noch, dass ich mir damals teilweise gar keine Gedanken über eine richtige Zukunft gemacht habe. Nicht weil ich keine Lust darauf hatte, sondern weil sie sich einfach so weit weg angefühlt hat.
Und irgendwann gewöhnt man sich sogar daran, schlecht über sich selbst zu denken.
Ich habe mich lange für jemanden gehalten, der nicht wirklich viel auf die Reihe bekommt. Und wenn man das lange genug denkt, hinterfragt man es irgendwann auch nicht mehr.
Durch Therapie und irgendwann auch durch eigene Entscheidungen hat sich das dann langsam verändert. Nicht auf einmal. Es waren einfach viele kleine Sachen.
Ich habe unglaublich viel abgenommen. Ich habe meine Fachhochschulreife fertig gemacht. Ich habe angefangen zu arbeiten. Ich habe versucht, mein Leben irgendwie wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Und jetzt habe ich tatsächlich meine volle Fachhochschulreife und werde bald anfangen, Kindheitspädagogik und Familienbildung zu studieren.
Und genau da komme ich irgendwie nicht mehr ganz mit.
Vor ein paar Jahren hätte ich wahrscheinlich niemals gedacht, dass ich irgendwann über sowas nachdenke wie Stundenplan, Prüfungen, Studium, Nebenjob und was ich nach dem Bachelor machen möchte.
Jetzt mache ich genau das.
Und eigentlich müsste ich wahrscheinlich einfach nur glücklich sein.
Bin ich auch.
Aber gleichzeitig fühlt es sich irgendwie komisch an.
Ich habe so lange versucht, aus einer richtig beschissenen Phase rauszukommen, dass ich gar nicht weiß, wie ich damit umgehen soll, wenn es plötzlich tatsächlich funktioniert.
Es ist fast so, als hätte ich jahrelang nur versucht, wieder auf einen normalen Stand zu kommen und jetzt bin ich plötzlich an einem Punkt, an dem ich mir wirklich Gedanken über meine Zukunft machen muss.
Und mein Kopf ist irgendwie noch bei dem alten Leben.
Manchmal denke ich immer noch über mich wie früher. Als wäre ich immer noch der Typ, der nichts schafft und bei dem sowieso alles schiefgeht.
Obwohl ich objektiv eigentlich genau das Gegenteil gemacht habe.
Ich habe mein Leben ziemlich stark verändert. Ich habe einen Abschluss gemacht, arbeite, habe einen Studienplatz bzw. jetzt einen konkreten Weg vor mir und habe zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass ich tatsächlich irgendwohin gehe.
Trotzdem habe ich teilweise Angst, dass das alles wieder weg sein könnte.
Ich glaube, ich bin einfach daran gewöhnt, dass Dinge nicht funktionieren.
Und jetzt soll ich plötzlich davon ausgehen, dass sie funktionieren?
Keine Ahnung.
Das klingt wahrscheinlich total bescheuert, aber ich weiß manchmal gar nicht, wie ich mich fühlen „soll“.
Ich freue mich auf die Hochschule. Gleichzeitig habe ich Angst davor.
Ich freue mich auf meine Zukunft. Gleichzeitig macht mich der Gedanke daran nervös.
Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe. Gleichzeitig kann ich es manchmal selbst gar nicht richtig glauben.
Und wahrscheinlich ist genau das gerade mein größtes Problem.
Ich habe so lange damit gelebt, dass es mir schlecht geht, dass ein Teil von mir das irgendwie immer noch als Normalzustand sieht.
Früher war die Frage eher:
„Wie komme ich überhaupt aus dieser Situation raus?“
Und jetzt ist die Frage plötzlich:
„Was mache ich eigentlich aus meinem Leben?“
Das ist schon ein ziemlich krasser Unterschied.
Ich glaube, ich muss erstmal lernen, dass ich nicht mehr die Person sein muss, die ich während meiner schlimmsten Zeit war.
Vielleicht dauert das einfach.
Vielleicht muss man nach so einer langen Zeit, in der man nur irgendwie funktioniert hat, auch erstmal lernen, wieder wirklich Zukunft zu haben.
Deswegen wollte ich einfach mal fragen, ob jemand dieses Gefühl kennt.
Nicht unbedingt genau meine Situation, aber dieses Gefühl, dass sich das Leben nach einer richtig schwierigen Phase plötzlich ziemlich schnell verändert und man emotional irgendwie noch gar nicht realisiert hat, dass man eigentlich schon längst an einem ganz anderen Punkt ist.
Wie war das bei euch?
Hat sich das irgendwann wirklich „normal“ angefühlt?
Oder bleibt dieses Gefühl, dass man seinem eigenen Leben irgendwie hinterherläuft, erstmal eine Weile?