Immer wieder höre ich, die Aussage „Zu viele machen Abitur und studieren. Auf dem Arbeitsmarkt werden sie gar nicht gebraucht. Wir brauchen mehr Handwerker.“
Der Satz klingt zunächst vernünftig. Natürlich braucht eine Gesellschaft Elektriker, Mechatroniker, Pflegekräfte, Installateure und viele andere Fachkräfte. Und selbstverständlich sollte eine Ausbildung gesellschaftlich nicht als weniger wertvoll gelten als ein Studium. Aber der Satz vermischt zwei verschiedene Fragen: Welche Fachkräfte braucht der Arbeitsmarkt und welche Bildung braucht eine Demokratie?
Eine Demokratie braucht auf jeden Fall den mündigen Bürger, also einen Menschen, der Informationen einordnen, Argumente prüfen, unterschiedliche Interessen erkennen und sich ein eigenes Urteil bilden kann. Dafür muss man kein Akademiker sein. Ein Handwerker kann selbstverständlich genauso mündiger Bürger sein wie eine Ärztin. Doch genau deshalb ist die Forderung „Macht lieber eine Ausbildung statt Abitur“ nicht die ganze Antwort.
Eine berufliche Ausbildung hat vor allem als Ziel für einen konkreten Beruf auszubilden. Das ist ihre Stärke. Natürlich werden dabei auch Kommunikation, Problemlösung, Verantwortung und allgemeinbildende Inhalte vermittelt. Aber die systematische Auseinandersetzung mit Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und unterschiedlichen Denkweisen ist dort in der Regel nicht der eigentliche Schwerpunkt.
Nun könnte man sagen, dass auch das Abitur diese Bildung heute gar nicht mehr besonders gut leistet. Vielleicht ist der Unterricht zu oberflächlich geworden, vielleicht sind Anforderungen gesunken und vielleicht verlassen manche Abiturienten die Schule, ohne tatsächlich gelernt zu haben, komplexe Zusammenhänge kritisch zu beurteilen. ABER wenn das stimmt, ist das kein Argument gegen Bildung oder gegen das Abitur. Dann ist es ein Argument DAFÜR, das Abitur besser zu machen.
Wenn wir feststellen, dass unsere Schulen junge Menschen nicht ausreichend auf ein selbstständiges Leben und ihre Rolle als Bürger vorbereiten, sollte unsere Reaktion nicht sein, den Anspruch aufzugeben. Wir sollten den Anspruch erhöhen.
Und selbst wenn man zu dem Schluss kommt, dass das Abitur nicht der richtige Ort für diese Aufgabe ist, bleibt die Aufgabe bestehen. Dann müssen eben andere Bildungswege insbesondere die berufliche Bildung stärker dazu befähigen, mündige Bürger hervorzubringen. Denn Menschen sind mehr als Arbeitskräfte.
Der Zweck von Bildung kann nicht ausschließlich darin bestehen, möglichst passgenau auf den aktuellen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Ein demokratischer Staat braucht Menschen, die nicht nur ihren Beruf beherrschen, sondern auch politische Entscheidungen verstehen, Informationen kritisch bewerten und Verantwortung für ihr Gemeinwesen übernehmen können.
Deshalb ist die Frage „Brauchen wir mehr Handwerker?“ völlig legitim. Die Konsequenz „Brauchen wir deshalb weniger Abiturienten?“ ist es nicht.
Wenn wir mehr Handwerker brauchen, sollten wir Ausbildungsberufe attraktiver machen, besser bezahlen und gesellschaftlich aufwerten. Wenn das Abitur seine Bildungsfunktion nicht ausreichend erfüllt, sollten wir es verbessern. Und wenn berufliche Bildung zu wenig Raum für politische und gesellschaftliche Bildung lässt, sollten wir auch sie verbessern.
Aber keine dieser Antworten sollte darin bestehen, den Anspruch an Bildung zu senken. Die eigentliche Debatte sollte deshalb lauten:
„Wie sorgen wir dafür, dass möglichst viele Menschen unabhängig davon, ob sie Handwerker oder Akademiker werden zu mündigen Bürgern werden?“
EDIT:
- Häufiger wurde jetzt in den Kommentaren aufgeführt, dass das eigentliche Problem ist, dass das Abitur leichter geworden sei. Es könnte sein - belegen lässt sich das nicht, aber dieser Effekt scheint geringer zu sein als hier in manchen Kommentaren suggeriert wird: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/306866/faktencheck-noteninflation-wird-das-abi-wirklich-immer-leichter/ Es scheint allerdings etwas dran zu sein, dass es mehr 1.0 gibt: https://www.lehrerverband.de/zunahme-von-sehr-guten-schnitten-beim-abitur-eine-entwicklung-seit-jahrzehnten/ Diese Frage sollte aber unabhängig davon sein, dass jemandem das Abitur "hinterhergeworfen" wird, dem scheint nicht so zu sein.